Für den Austausch von Waren und Dienstleistungen ebenso wie für die Messung von Vermögen ist ein einheitliches Maß unabdingbar. Schon die alten Ägypter verfügten im 1. Jahrtausend vor Christus über eine Gewichtseinheit von 91 Gramm, “Deben” genannt. Das entspricht ziemlich genau dem Gewicht von drei heutigen Feinunzen Gold. In etwa zur selben Zeit betrug das Einheitsmaß auf den britischen Inseln und Nordfrankreich 93 Gramm. Der Prähistoriker Lorenz Rahmstorf folgert daraus, dass die Menschen bereits im frühen ersten Jahrtausend vor Christus ein hochpräzises Messwesen einsetzten, um Waren entlang der Handelsrouten von Europa bis nach Nordafrika und den Mittleren Osten auszutauschen. Dies zeige, so Rahmstorf, dass die Forschung die Komplexität des frühen Warenaustauschs und Handels während der Bronzezeit in Europa unterschätzt habe.193 Gramm: Das Mass aller urzeitlichen Dinge

Die Festlegung und Überwachung von Gewichtseinheiten war ein Hoheitsrecht der jeweiligen Herrscher. Gewichtssysteme können daher nicht isoliert von dem kulturellen Kontext betrachtet werden. Rahmstorf geht davon aus, dass die Durchsetzung einheitlicher Gewichte und Maßeinheiten ein überregionales Verlangen nach einer genauen Wertbestimmung voraussetzt. Gewichte sind demnach Teil eines sog. Early Urban Package, das sich durch fünf Merkmale auszeichnet2Die Entstehung von Gewichtssystemen

  • Einheitliche Verwendung von Maßen und Gewichten
  • Administrative Verwendung von Siegeln bzw. Schrift
  • Komplexe Metallurgie für Zinn, Gold und Silber
  • Standardisierte Gefäße und Massenproduktion
  • Existenz von Siedlungszentren mit mehr als 1.000 Einwohnern und einer Größe von 4 bis 5 Hektar

Die Einführung von Gewichtssystemen ist dadurch gekennzeichnet, dass Tokens, die Rohstoffe repräsentieren, zu Markierungen für Rohstoffe und Quantitäten werden. Die Einführung von Gewichten ist daher eng mit der Entstehung der Schrift verbunden.

Inwieweit passen Kryptowährungen in dieses Bild? In seinem Paper Bitcoin und die Provokation der Blockchain-Economy schreibt Michael Pateau:

Ein Blick auf älte­re Gesell­schaf­ten im Osten des anti­ken Grie­chen­lands, vor allem in Sumer der Uruk-Zeit (ca. 3000 v.u.Z.) zeigt, dass hier in einer Gesell­schaft, in der der gesell­schaft­li­che Reich­tum nicht über Waren­tausch son­dern durch ein kom­ple­xes Sys­tem der von Tem­pel­bü­ro­kra­tien ver­wal­te­ten Pro­duk­ti­on, Lage­rung und Ver­tei­lung der Güter gere­gelt wur­de, eine ande­re Form von Geld benö­tigt wur­de, näm­lich eine Form der gegen­sei­ti­gen Auf­rech­nung von Schul­den und For­de­run­gen, doku­men­tiert mit einer für die­sen Zweck geeig­ne­ten Schrift und Arith­me­tik, ver­wal­tet in einem Buch­hal­tungs­sys­tem auf Ton­ta­feln gespei­chert. Also, wie man heu­te unter ent­wi­ckel­te­ren Ver­hält­nis­sen des Finanz­we­sens erkennt, eine Art von vir­tu­el­lem Geld, die das vor­weg­nimmt, was vie­le tau­send Jah­re spä­ter in Euro­pa, in einem auf Münz­geld auf­bau­en­dem Sys­tem als schritt­wei­se Ablö­sung des Gel­des von sei­ner angeb­lich pri­mor­dia­len Form beschrie­ben wird. Näm­lich als im 16. Jahr­hun­dert, mit der Ver­brei­tung von Wech­seln, der Ein­füh­rung des »Scu­do de Mar­chi«, und anschlie­ßen­der Ver­brei­tung von Bank­no­ten, Schecks, Kre­dit­kar­ten bis hin zum digi­ta­len Geld sich eine schritt­wei­se Ablö­sung des Gel­des von einer irgend­wie gear­te­ten mate­ri­el­len Sub­stanz durchsetzte. 

Übertagen auf unsere Zeit:

Es lässt sich also fest­hal­ten, dass wir heu­te aus einer Situa­ti­on des ent­wi­ckel­ten kapi­ta­lis­ti­schen Finanz­we­sens her­aus behaup­ten kön­nen, dass wir den Geld­be­griff abs­trak­ter fas­sen müs­sen, als es im Main­stream der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten geschieht, indem wir aner­ken­nen, dass Geld zunächst ein Sys­tem von Kre­dit­kon­ten und ihrer Ver­rech­nun­gen ist, und dann erst eine bestimm­te Form als Mün­ze, Wech­sel, Bank­no­te oder eben Bit­co­in anneh­men kann.

Und weiter:

Als »Medi­um« besitzt es (das Geld, RK) die Eigen­schaft, lan­ge Ket­ten von sozia­len Hand­lun­gen dadurch zu beein­flus­sen, dass ein­zel­ne Ent­schei­dun­gen durch das Medi­um selbst prä­dis­po­niert sind, bei­spiels­wei­se ob man etwas kau­fen möch­te oder nicht. Wel­che Form die­ses Medi­um annimmt, ist immer das Resul­tat eines kom­ple­xen Zusam­men­wir­kens unter­schied­li­cher Fak­to­ren, sei­en sie geo­gra­phi­scher, tech­no­lo­gi­scher oder auch inter­es­sen­ge­lei­te­ter Art. Sie ist immer ein­ge­bet­tet in die gesell­schaft­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen um adäqua­te For­men der Steue­rung des öko­no­mi­schen Sys­tems, um die Steue­rung der Pro­duk­ti­on, der Akku­mu­la­ti­on, der Admi­nis­tra­ti­on, der Ver­tei­lung und des Aus­tau­sches des gesell­schaft­li­chen Reich­tums. Und selbst­ver­ständ­lich ist das beim The­ma Cryp­to­cur­ren­cy nicht anders.

Wie könnte das einheitliche Maß für Kryptowährungen aussehen? Welche (Gewichts-)Einheit käme dafür in Frage? Das könnte z.B. der Energie- und Rechenaufwand sein, die für das Schüfen und Verwalten der Kryptowährungen nötig sind. Für dem Medienwissenschaftler Marshall McLuhan war Geld der Spei­cher für die Zeit und Arbeit ande­rer Menschen. Welcher Wert wird durch Kryptowährungen gespeichert bzw. repräsentiert – die Zeit und Arbeit anderer Menschen, Rechen- und Verarbeitungskapazitäten?

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